RIKK - regional interkulturell kompetent

"Macht ihr mit? Habt ihr Samen, Pflanzen, Geräte?"

Foto: Jasmin Al-Kattib

Die Pflanz- und Erntezeit im St. Georgener Nachbarschaftsgarten neigt sich langsam dem Ende zu. Nach vielen Sonnen- und Arbeitsstunden und einer reichen Ernte freuen sich die Initiatoren des "Projekt Dialog" und die begeisterten GärtnerInnen bereits auf die nächste Saison.

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Noch vor ein paar Jahren konnte sich Barbara Pichler nicht vorstellen, dass es in St. Georgen möglich sein wird, mitten im Ort einen interkulturellen Gemeinschaftsgarten zu starten. Doch als dann im vergangenen Herbst ihr Kollege Hamdy Al Hagh Teil des Teams wurde, ging alles ganz schnell. Er hatte bereits Erfahrung mit der Organisation eines Nachbarschaftsgartens gesammelt, damals, als er noch in Wien für die Diakonie arbeitete. Also fragten sie nach, bei der Pfarre, der Gemeinde. Und Ende März war es soweit: Sie bekamen das offizielle "okay", mit ihrem Gartenprojekt auf dem Pfarrgrundstück zu starten. Überglücklich machten sie sich an die Arbeit.

"Wir sind viel draußen"

Barbara Pichler und Hamdy Al Hagh sind Streetworker der Caritas und kümmern sich im Rahmen des "Projekt Dialog" um eine bessere Kommunikation zwischen allen BewohnerInnen St. Georgens: den hier lebenden St. GeorgenerInnen, den Zugezogenen und den AsylwerberInnen im Erstaufnahmezentrum und den Flüchtlingspensionen. "Wir sind viel draußen", sagt Barbara Pichler. "Ein Teil unserer Arbeit ist es, auf der Straße, in Geschäften, und an Plätzen, wo sich Leute treffen, nachzufragen, ob es irgendwelche Vermittlungsbedürfnisse, ob es Wünsche, Anregungen, Beschwerden gibt. Ein weiterer Teil sind Veranstaltungen wie der Frauentreff oder die Länderabende, wir organisieren aber auch Schulprojekte, oder eben diesen Gemeinschaftsgarten."

Nach der Zusage wurde sofort damit begonnen, allen möglichen Menschen in St. Georgen von dem entstehenden Garten zu erzählen. Es gab Flugblätter, einen Artikel in der Gemeindezeitung, Aushänge, viele Emails. Ziemlich schnell wusste fast der ganze Ort bescheid. "Das Interesse war von Anfang an groß", meint Hamdy Al Hagh. "Unser Ziel war es, einen Treffpunkt für St. Georgener, Migranten und Flüchtlinge zu schaffen. Und ich glaube, das haben wir geschafft."

Irakisches Bewässerungssystem

Da sie für den Gemeinschaftsgarten kein Budget haben, fragten Barbara und Hamdy alle möglichen Leute in St. Georgen: "Macht ihr mit? Habt ihr Samen, Pflanzen, Geräte?" Bis auf zwei, drei Werkzeuge mussten sie nichts kaufen, weil es genügend Leute gab, die den Garten unterstützen wollten. "Viele haben uns Pflanzen gebracht oder angerufen, dass sie 'was über' haben." Beim Eröffnungstreffen am 28. April 2013 machten sich die GärtnerInnen gleich an die Arbeit: Das Wiesenstück wurde umgegraben und die ersten Pflanzen gesetzt.

Tomaten, Salat, Kraut, Fenchel, Sonnenblumen, Kartoffeln… Wer was wo pflanzt, wurde gemeinschaftlich geregelt, und fürs regelmäßige Gießen in den heißen Sommermonaten wechselten sich einige AsylwerberInnen aus einer nicht allzu weit entfernten Flüchtlingspension ab. Dass die Gießarbeit um einiges einfacher wurde, dafür sorgte vor allem die gute Idee eines Gärtners. "Er kommt aus dem Irak und hat uns ein Bewässerungssystem mitgebracht", erzählt Barbara Pichler und strahlt. "Der Boden ist ja ein bisschen abschüssig, also hat er zwischen den Pflanzenreihen Gräben gegraben. Dann muss man praktisch nur oben den Schlauch reinlegen und das Wasser fließt dann von selber hinunter."

"Wenn ich hier bin, vergeht die Zeit schnell"

Ein anderer begeisterter Gärtner ist Muslim aus Tschetschenien. Er wartet seit fast zwei Jahren auf seinen Asylbescheid, und kommt sehr gern und oft in den Garten. "Ich bin von Anfang an dabei und liebe die Arbeit hier im Garten", sagt er. "Der Prozess, mit den Händen zu arbeiten, gefällt mir. Das macht mich glücklich." Vor allem aber ist die Gartenarbeit auch eine Art Stressbewältigung, um mit seiner schwierigen Situation besser zurecht zu kommen. "Wenn ich hier bin, vergeht die Zeit schnell, und mein Leben fühlt sich etwas leichter an. Das ist gut."

Auch Gülüzar aus der Türkei, die seit einem Jahr in St. Georgen lebt, kommt regelmäßig im Garten vorbei. Sie hat im monatlichen Frauentreff davon erfahren. Die Begegnung und die Möglichkeit auf neue Bekanntschaften, auch zwischen "Einheimischen" und "Zugezogenen", sind die Kernidee des Nachbarschaftsgartens. Genauso wie das Gefühl, zusammen an einer Sache zu arbeiten: "Es gibt keine eigenen Beete, wir machen alles gemeinsam", freut sich Hamdy Al Hagh. "Wenn Gemüse reif ist, kann jeder kommen und sich etwas nehmen, alles ist offen. Es gehört allen, und das funktioniert sehr gut."

Offener Garten ohne Zaun

Dass der Garten keinen Zaun hat und auch keinen braucht, darauf sind die beiden Streetworker stolz: "Es gab bis jetzt überhaupt keine Probleme." Im Gegenteil, denn alle kämen ja her, um etwas zu bringen, zu pflanzen oder zu gießen. Sollte es einmal vorkommen, dass jemand Unruhe in den Garten brächte oder etwas klauen würde, dann würden sie die Leute einbinden. "Wir würden sie ansprechen und fragen, ob sie nicht mitmachen wollen."

Noch ist die Gartensaison nicht zu Ende, aber sehr lange wird es nicht mehr dauern, bis die Pflanzenbeete fit für den Winter gemacht werden müssen. "Vor dem Winter müssen wir noch die Erde vorbereiten, damit nächstes Jahr alles noch besser wächst", sagt Gärtner Muslim und lächelt. Barbara nickt: "Wir haben noch Kompost von unserem neuen Komposthaufen, den wir noch reingeben müssen." Wie die nächste Saison genau aussehen wird, werden nicht Barbara und Hamdy entscheiden, sondern alle St. Georgener GärtnerInnen gemeinsam. "Wir werden es zum Thema machen, und fragen, wer im nächsten Jahr wieder mitmachen möchte." Muslim hofft, auch nächstes Jahr wieder dabei zu sein: "Es gab dieses Jahr so viel Gemüse und so nette Leute hier, und nächstes Jahr, denke ich, wird es noch besser, weil wir dann auch mehr Erfahrung damit haben." (Text: Jasmin Al-Kattib)

>>> Fotos

Am Donnerstag, 26. September 2013, findet im Gemeinschaftsgarten St. Georgen ein Grillfest statt, zu dem alle herzlich eingeladen sind! Bei Schlechtwetter findet der Termin die Woche darauf statt. >>> Hier geht's zu allen Infos und zur Einladung

 

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