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"Unwissenheit ist eine große Gefahrenquelle"

Foto: Jasmin Al-Kattib

Theresia Djedović, gebürtige Vöcklabruckerin mit kroatischen Wurzeln, ist Lehrerin an der Neuen Mittelschule in Attnang-Puchheim. Sie findet, dass in der Elternbildung noch vieles getan werden muss, um den Alltagsrassismus aus den Köpfen der Menschen zu vertreiben.

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In ihrer Berufssparte fühlt sich Theresia Djedović immer noch wie eine Exotin. Das habe sich bereits während ihrer Ausbildung an der Pädagogischen Hochschule in Linz abgezeichnet und auch in den letzten Jahren nicht verändert. Das, was in Wien bereits Selbstverständlichkeit ist, nämlich eine Vielfalt an Herkünften und Sprachen unter den Lehrenden, braucht in kleinen Städten wie Attnang-Puchheim noch etwas Zeit. "In meinem Jahrgang in Linz waren ein türkischer Student und ich die einzigen mit Migrationshintergrund", erzählt Theresia Djedović. "Jetzt ist es ähnlich: An meiner Schule sind es der Islam-Lehrer und ich."

Im Gegenzug gibt es viele 10- bis 16-jährige SchülerInnen an der Attnanger Neuen Mittelschule, die Migrationshintergrund haben. "Ich schätze, es sind rund 60 Prozent, die meisten sind aber hier geboren und haben die österreichische Staatsbürgerschaft." Trotzdem ist die Muttersprache der Jugendlichen, häufig ist es Bosnisch/Kroatisch/Serbisch (B/K/S), genauso präsent wie das Deutsche. Diese Zweisprachigkeit ist positiv, dennoch machen Eltern oft große Fehler, wenn es um die sprachliche Erziehung ihrer Kinder geht, findet Djedović.

Beide Sprachen nicht perfekt

Einige ihrer SchülerInnen seien in ihrer Muttersprache überhaupt nicht gefestigt. "In der Muttersprache fehlen ihnen oft Vokabeln wie zum Beispiel die Wochentage oder die Farben, und es fehlt auch oft die Grundgrammatik. Es passiert manchmal, dass sie ein deutsches Verb mit dem kroatischen Infinitiv verwenden," so Djedović. Dieser Mix liege daran, dass manche Eltern glauben, es sei besser, zuhause nicht nur die eigene Muttersprache, sondern auch Deutsch zu sprechen, auch wenn sie es selbst nicht gut beherrschen.

Bei manchen Jugendlichen wirke sich diese Mischung nicht gut aus: "Sie haben keine Sprache, die sie richtig gut können." Daher sei den Eltern dringend zu raten, mit ihren Kindern nur in der Muttersprache zu sprechen, damit sie diese ausreichend lernen und festigen können, um in Folge auch das Deutsche besser zu erlernen. Allerdings sei das im Hauptschulalter schon zu spät. "Das sollte im Kindergartenalter beginnen", weiß Djedović. Sie selbst hat es genauso erlebt: In Vöcklabruck geboren und in Attnang aufgewachsen, sprachen ihre Eltern immer nur Kroatisch mit ihr, das Deutsche lernte sie ganz automatisch ab dem Kindergarten.

Vertrauen und Abrenzung

Für sie als Lehrerin hat die gemeinsame Sprache mit einigen ihrer SchülerInnen sowohl positive als auch negative Seiten. Zum einen ist Theresia Djedović dadurch zu einer Art Vertrauensperson geworden. "Ich bin im selben Milieu aufgewachsen wie sie, kenne ihre Denkweisen und Mentalität", sagt die 34-Jährige. "Dadurch mögen einen die Schüler und ich versuche im Gegenzug, mit ihnen auch freundschaftlich umzugehen."

Auf der anderen Seite stehen aber manche KollegInnen, die fordern, sie solle sich mehr von ihren Schülern abgrenzen. "Aber das ist nicht so einfach. Entweder man ist Vertrauensperson oder nicht." Und Djedović weiß, dass dieses Vertrauensverhältnis für ihre Schüler sehr wichtig ist. "Gewisse Schüler, die aus schwierigen Familienverhältnissen kommen, öffnen sich leichter, wenn sie mir ihre Probleme in ihrer Muttersprache erzählen können." Auch sie selbst spürt, dass sie sich mit dem Kroatischen manchmal "gelassener und unbeschwerter" fühlt. Ein Gefühl, das mehrsprachige Personen häufig ansprechen.

Gute und weniger gute Sprachen

Mit ihren beiden Kindern spricht Theresia Djedović konsequent nur Kroatisch, ihr Ex-Mann ist Oberösterreicher und hat von Anfang an immer nur Deutsch gesprochen. "Das hat gut funktioniert. Sie können beide Sprachen super." Anerkennung hat sie dafür aber noch nie bekommen. "Im Kindergarten gibt es eine französische Mutter, und alle Eltern finden es super, dass ihre kleine Tochter auch französisch spricht. So etwas ist mir noch nie passiert." Dafür wurde sie schon oft gefragt, warum sie eigentlich Kroatisch mit ihrer Tochter spreche, denn "Sie können doch eh so gut Deutsch!" Die Einteilung in gute/wichtige und weniger gute/unwichtige Sprachen findet sich leider – meist unbewusst – noch in vielen Köpfen.

Alltagsrassismus tief verankert

Zur generellen Stimmung im Zusammenleben zwischen "einheimischen" und "zugezogenen" Bewohnern in Attnang hält sich Djedović' Euphorie in Grenzen. "Es wird so viel gemacht hier, aber ich finde ehrlich gesagt nicht, dass es besser wird. Dieser Alltagsrassismus ist bei vielen Menschen sehr tief verankert, den kann man nicht einfach so wegschütteln. Auch nicht mit einem interkulturellen Fest," meint sie nüchtern.

Überhaupt wollen viele die Begriffe Migration oder Integration gar nicht mehr hören, glaubt Djedović. "Einfach deshalb, weil gewisse Leute Integration mit Assimilation verwechseln." Aufklärung und Bildung wären wichtig, vor allem von Eltern, die ihren Kindern ihre Ansichten weitergeben. Zum Beispiel über den Islam, über den viele sprechen, obwohl sie "gar keine Ahnung davon haben. Ich finde, dass Unwissenheit eine große Gefahrenquelle im Alltag darstellt", sagt Djedović. "Unwissende Menschen feinden andere sicher mehr an als solche, die sich mit ihnen beschäftigen." (Text: Jasmin Al-Kattib)

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