RIKK - regional interkulturell kompetent

"Mir ist es wichtig, Stellung zu beziehen"

Foto: Privat

Roswitha Kettl, Seelsorgerin im Krankenhaus Vöcklabruck und eine der InitiatorInnen des "Forum Friedensgebet", berichtet von Erfahrungen in der Flüchtlingsarbeit und ihren interreligiösen Begegnungen im In- und Ausland.

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"Ich glaube, es liegt an meiner Neugierde und daran, dass ich Menschen einfach sehr gerne mag", sagt Roswitha Kettl und lacht. Das Engagement für den Dialog zwischen verschiedenen Kulturen und Religionen ist ihre Herzensangelegenheit. Sie möchte nicht mit den immer wieder aufflammenden Strömungen der Ausländerfeindlichkeit in der Gesellschaft mitschwimmen. Sich nicht verbiegen lassen, sondern Stellung beziehen, das ist ihr wichtig. "Mein Handeln orientiert sich auch an meinem Glauben und dem christlichen Menschenbild. Wenn jemand meint, er sei Christ, und anderen Menschen dennoch feindlich gegenüber steht, dann hat er etwas falsch verstanden."

Völkerverständigung kann einfach sein

Erste sehr einprägsame interkulturelle Erfahrungen machte Roswitha Kettl in den Jahren 1986/87, als sie nach ihrer Ausbildung zur Pastoralassistentin als Volontärin in einer Schule in Israel/Palästina verbrachte. "Die Köchinnen dort waren alle muslimische Araberinnen, in der Schule gab es etwa 70 Prozent Christen und 30 Prozent Muslime. Dort habe ich erlebt, wie normal der Umgang miteinander und wie einfach die Völkerverständigung sein kann," erinnert sich die gebürtige Riederin. Drei Jahre nach ihrer Rückkehr nach Oberösterreich machte sie schließlich das interkulturelle Thema ganz zu ihrer beruflichen Aufgabe und begann als Flüchtlingsberaterin bei der Caritas in St. Georgen im Attergau zu arbeiten.

"Diese Ausländer meinen wir ja nicht"

"Dort ging es nicht nur um die Beratung der Flüchtlinge, sondern auch um den Kontakt und Dialog zwischen den Einheimischen und den Asylwerbern. Wir haben versucht, einen Ort der Begegnung zu schaffen", erzählt Roswitha Kettl von ihrer Zeit in der Sozialarbeit. Es wurden gemeinsam Feste gefeiert, Deutschkurse abgehalten und Hearings organisiert, bei denen alle in die Flüchtlingsthematik involvierten Personen an einem Tisch die Situation aus verschiedenen Perspektiven beleuchteten und an Verbesserungen im Zusammenleben arbeiteten. Damals war die Sozialarbeiterin auch viel unterwegs, um gezielt Bewusstseinsbildung zu betreiben: "Zu Vorträgen und Podiumsdiskussionen habe ich auch öfters Asylwerber mitgenommen, die dann selbst von ihrer Situation erzählt haben." Kettl erlebte mehr als nur einmal, dass nach der Herstellung eines persönlichen Kontakts gesagt wurde: "Naja, diese Leute meinen wir ja gar nicht." – Die "schlechten" Ausländer sind immer die anderen und diejenigen, die man nicht kennt.

Austausch zwischen Christen und Muslime im Bezirk

Nach zehn Jahren als Flüchtlingsbetreuerin verschlug es Roswitha Kettl wieder zurück zu ihren Wurzeln und sie nahm als Pastoralassistentin im Alten- und Pflegeheim in Attnang-Puchheim eine Stelle an. Außerdem begann sie ihre Seelsorge-Tätigkeit im Krankenhaus Vöcklabruck, ein Job, den sie bis heute mit großer Freude macht. Ihre interkulturellen und –religiösen Begegnungen verschoben sich weitgehend auf ihre ehrenamtliche Tätigkeit im "Forum Friedensgebet der Religionen", das Kettl vor einigen Jahren gemeinsam mit anderen engagierten Leuten aus der Region gründete. Hier tauschen sich Vertreter der katholischen und evangelischen Kirche sowie des Islam, die im Bezirk Vöcklabruck ansässig sind, zu verschiedensten religiösen Themen aus. Jedes Jahr gibt es ein großes Treffen mit Präsentationen, einer Podiumsdiskussion, Musik und einem großen gemeinsamen Gebet.

Angst vor dem Islam haben nur "Taufschein-Christen"

Mittlerweile ist bei den intensiven Treffen des Forums eine sehr gute Gesprächsbasis entstanden. "Das ist uns sehr wichtig. Anfangs habe ich gedacht, wir müssen das Gemeinsame suchen und dann einen Gottesdienst machen, wo alles Platz hat. Doch jetzt weiß ich, dass es darum gar nicht geht. Der Dialog gelingt dann, wenn ich selbst weiß, wo ich stehe. Dann kann ich auch ohne Angst auf andere zugehen," ist Roswitha Kettl sicher. Interessanterweise sind viele Leute, die Angst davor haben, dass der Islam Österreich "überrollt", selbst nur "Taufschein-Christen", sagt Kettl, und fügt hinzu: "Für die Menschen, die zu uns nach Österreich kommen, ist die Religion oft das einzige, wo sie ihre Identität finden und das sie aus ihrer Heimat mitnehmen konnten." Zuzulassen und zu akzeptieren, dass es Dinge gibt, die man mit seiner eigenen Religion vielleicht anders handhaben würde, und dass das kein Problem darstellt, ist eine Voraussetzung für interreligiöse Begegnungen, so die Pastoralassistentin weiter.

Gezielte Abschottung von Asylwerbern

Trotz vielerlei Initiativen und Engagement habe sich die Stimmung in der Region in Bezug auf das Zusammenleben verschiedener Kulturen in den letzten Jahren nicht merklich verbessert, sie spüre eher das Gegenteil, meint Roswitha Kettl. Gerade in St. Georgen im Attergau, wo vor einigen Jahren das Erstaufnahmezentrum für Asylwerber entstanden ist, sehe man die negative Entwicklung sehr deutlich. "Früher, als es noch kein Erstaufnahmezentrum war, hatten Ehrenamtliche Zutritt und konnten die Asylwerber begleiten, es war alles viel offener als heute. Jetzt schottet man die Menschen im Flüchtlingsheim völlig ab, schafft eine Ghetto-Situation, da ist klar, das die Bevölkerung Angst bekommt", ist die Seelsorgerin empört über die österreichische Flüchtlingspolitik. "Wenn zum Beispiel ein Asylwerber aus einem Anhalteraum ausbricht, dann wird er mit Hubschraubern gesucht, die Cobra wird eingesetzt und die Nachbarn bekommen ganz automatisch das Gefühl, dass da lauter Verbrecher untergebracht sind. Diese Schreckensszenarien sind hausgemacht."

Kirche und Moschee "auf Augenhöhe"

Eine Scheibe abschneiden könne sich Österreich etwa auch von dem gut funktionierenden Zusammenleben der Religionen in Jordanien, wohin Roswitha Kettl vor ein paar Jahren gemeinsam mit KollegInnen aus dem Forum reiste. In dem muslimischen Land gibt es nur drei Prozent Christen, und trotzdem steht in der Hauptstadt Amman eine mächtige Kirche, die genau so hoch ist wie die große Moschee, und das in der gleichen Straße. "Bei uns könnte man sich das nicht vorstellen, da hätte man furchtbare Angst, denn es könnte ja die Moschee mit dem Minarett höher sein als der Kirchturm", sagt Kettl ironisch. "Wir haben hier in Österreich einfach noch nicht so viel Erfahrung damit, dass verschiedene Religionen ganz selbstverständlich nebeneinander existieren. Da steht uns noch einiges an Arbeit bevor." (Text: Jasmin Al-Kattib)

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