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Leben in zwei Heimaten

Foto: privat

Irfan Bektik, junger Familienvater und Versicherungsagent aus Timelkam, erzählt von der Ankunft seiner Familie in Österreich in den achtziger Jahren und beschreibt seine enge Verbundenheit zur Türkei, die er bisher nur von frühkindlichen Erinnerungen, Verwandtenbesuchen und Urlauben kennt.

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Als Irfan Bektiks Vater vor ungefähr vierzig Jahren nach Österreich kam, hatte er nicht vor, sein ganzes Leben hier zu verbringen. "Er wollte für unsere kleine Landwirtschaft einen Traktor kaufen, damit die Ernte ertragreicher wird. Und dieses Geld wollte er in Österreich verdienen", erzählt der 30-jährige Oberösterreicher mit türkischen Wurzeln. Doch wie so oft kam es anders, und statt der Rückkehr des Vaters entschloss sich Irfans Mutter schließlich, mit den drei kleinen Kindern nachzukommen. "Wir haben unsere Schafe verkauft und sind raufgezogen", erinnert sich Irfan dunkel an den Umzug nach Österreich. Er war damals vier Jahre alt.

Deutsch mit Nachbarskindern

Die ersten drei Jahre verbrachte die Familie Bektik in der Gemeinde Regau, wo sie eine Wohnung in der Nähe des Badesees gemietet hatte. Zuhause war der kleine Irfan damals praktisch nie, denn die Nachbarn hatten zwei Kinder in seinem Alter, mit denen er sich auf Anhieb verstand. "Ich bin in der Früh hingegangen, habe den ganzen Tag dort verbracht und am Abend wollte ich nicht nach Hause", schmunzelt Irfan heute. "Durch den engen Kontakt mit meinen Freunden habe ich ziemlich schnell perfekt Deutsch gelernt."

Schwierige Wohnungssituation

Nach etwa drei Jahren musste die Familie unerwartet rasch ausziehen, und die neuerliche Wohnungssuche gestaltete sich sehr schwierig. "Für Ausländer gab es damals, Ende der 80er Jahre, nur wenige und nicht sehr gute Wohnungen. Da wir lange keine Bleibe gefunden hatten, überlegte mein Vater, mit uns wieder in die Türkei zurückzugehen. Außerdem gab es auch ein Problem mit unserem Visum, weil wir zu dieser Zeit keinen festen Wohnsitz hatten", schildert Irfan Bektik die damals schwierige Situation seiner Familie. Nach langem Hin und Her kaufte sein Vater ein Haus in Timelkam, und dort wohnen die Bektiks nach wie vor.

Vom Betriebsschlosser zum Versicherungsagent

Seine Schulzeit verbrachte der junge Irfan in Regau, Ungenach und Vöcklabruck. Nach der Hauptschule wollte er eigentlich Automechaniker werden, fand aber keine passende Lehrstelle. Schließlich bewarb er sich bei der Firma Eternit-Hatschek und machte dort eine Lehre als Betriebsschlosser. "Die Arbeit hat mir sehr gut gefallen und ich hatte super Arbeitskollegen. Ich habe vierzehn Jahre dort gearbeitet und hatte viel Verantwortung, aber dann bekam ich Probleme mit den Bandscheiben." Schweren Herzens musste Irfan Bektik seiner Gesundheit zuliebe kündigen. Er orientierte sich um und ist seit eineinhalb Jahren in der Versicherungsbranche tätig.

Vorsprung durch Zweisprachigkeit

Die Umstellung war nicht einfach, aber mittlerweile gefällt ihm der Beruf sehr. "Ich mache meine Arbeit gern und wenn man etwas gern macht, macht man es auch gut und wird empfohlen", freut sich der Versicherungsagent. Ihm gefällt es, mit vielen Menschen zu tun zu haben, und seine Zeit flexibel einteilen zu können. Aufgrund seiner Zweisprachigkeit hat er zu Leuten mit österreichischen als auch türkischen Wurzeln einen guten Draht. Und da die in Versicherungsverträgen gebrauchte Sprache schon von vielen Menschen mit deutscher Muttersprache nur schwer verstanden wird, fühlen sich seine türkischsprachigen Kunden gleich doppelt gut bei ihm aufgehoben.

Enge Verbundenheit zur Türkei

Seit neuen Jahren ist Irfan Bektik verheiratet. "Ich habe meine Frau in der Türkei kennengelernt, und nach einigen Monaten Fern- und Telefonbeziehung ist sie hierher gezogen. Seit einem Jahr haben wir einen kleinen Buben namens Talha", erzählt der sympathische Timelkamer mit leuchtenden Augen. Derzeit überlegt die junge Familie, in den kommenden Jahren eventuell in die Türkei umzuziehen. Denn obwohl Irfan in Österreich aufgewachsen ist, fühlt er eine enge Verbundenheit zu dem Heimatland seiner Eltern, in dem auch etwa 80 Prozent seiner großen Verwandtschaft lebt. "Außerdem sind ja auch meine Schwiegereltern dort, darum fahren wir momentan auch mindestens einmal im Jahr hinunter, manchmal auch zweimal."

Zwischen zwei Kulturen 

Zu Hause fühlt sich Irfan Bektik in beiden Ländern, in Österreich und der Türkei. "Ich habe bisher fast mein ganzes Leben hier verbracht, mein ganzer Freundeskreis ist hier und ich habe die österreichische Staatsbürgerschaft", resümiert der junge Familienvater. "Trotzdem werden wir von der Gesellschaft noch wie Ausländer gesehen, und in der Türkei ist das nicht anders, auch dort merken die Leute sofort, dass wir keine richtigen Türken sind. Das ist zwar ein bisschen komisch, aber man gewöhnt sich dran", meint Irfan und lächelt. Dass die Vorteile, sich in zwei Kulturen beheimatet zu fühlen und zwei Muttersprachen zu haben, überwiegen, versteht sich für ihn von selbst. (Text: Jasmin Al-Kattib)

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