RIKK - regional interkulturell kompetent

Dankbar für ein bisschen Zeit

Foto: Jasmin Al-Kattib

Sieglinde Walenta, vierfache Mutter und Hausfrau aus St. Georgen, erzählt von ihren Erfahrungen als ehrenamtliche Nachhilfelehrerin für Flüchtlingskinder und das interkulturelle Engagement in ihrer Gemeinde, das ihrer Meinung nach ruhig noch etwas größer sein könnte.

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"Mir ist es immer noch ein bisschen zu wenig, was wir so machen", sagt die St. Georgenerin mit einem Lächeln, während sie von ihren ehrenamtlichen Tätigkeiten und den interkulturellen Veranstaltungen in ihrer Gemeinde erzählt. Nachhilfe für Flüchtlingskinder, Nachmittagsbetreuung in der Volksschule, Kleiderausgabe bei der Caritas, interkulturelles Frauentreff, gemeinsames Kekse backen, Engagement im St. Georgener Forum Miteinander… Das, was Sieglinde Walenta für ein besseres Zusammenleben der Menschen in ihrem Heimatort macht, klingt jedenfalls nicht nach wenig.

Angefangen habe ihr soziales Engagement mit den Kindern aus Tschernobyl, die jedes Jahr von der Caritas auf vierwöchigen Erholungsurlaub nach Oberösterreich geholt wurden. Seit 1992 haben die Walentas jeden Sommer als Gastfamilie ein paar Kinder aus der Ukraine aufgenommen, und das machen sie bis heute. "Seitdem die Caritas die Aktion nicht mehr macht, organisiert das mein Mann immer, er fährt hin und holt die Kinder ab", erzählt sie. Im Vorfeld wird jedes Jahr Geld gesammelt und ein Aufruf gestartet, um Gastfamilien zu finden. "Und dadurch bin ich dann so in dieses Thema hineingerutscht." Es dauerte nicht lange, und ein paar Flüchtlingskinder hatten eine neue, engagierte Nachhilfelehrerin.

Einfach nur mal reden

Derzeit betreut Sieglinde Walenta sechs, manchmal sieben Schulkinder als Nachhilfelehrerin, unterstützt sie bei Hausübungen und beim Deutschlernen. Zwei Buben, sieben und neun Jahre alt, kommen aus Syrien, drei weitere Buben und ein Mädchen, zwischen neun und 15, aus einer tschetschenischen Familie. Und dann gibt es noch die 14-jährige Mina aus einer goranischen Familie aus Serbien. Sie bräuchte eigentlich längst keine Nachhilfe mehr, will es sich aber nicht nehmen lassen, sich sporadisch mit ihrer Lehrerin zu treffen. Wahrscheinlich aus dem Grund, weil die herzliche St. Georgenerin ihren Nachhilfeunterricht so stressfrei und einfühlsam gestaltet.

"Bei den Flüchtlingskindern ist mir aufgefallen, dass die Konzentration oft sehr schnell abreißt. Ich glaube, sie sind einfach nicht so belastbar, man weiß ja auch nicht, was sie alles mitgemacht haben," so Walenta, die selbst vierfache Mutter ist. "Das allerwichtigste ist, wenn man mit den Kindern manchmal einfach nur redet. Und zwar über Dinge, für die in der Schule keine Zeit ist." Mit manchen Kindern gehe sie auch einfach spazieren und plaudere, "da merkt man sich das Deutsche leichter".

Mehr Akzeptanz und Respekt

Bei Kindern in den ersten Volksschuljahren sei das Erlernen der deutschen Sprache überhaupt kein Thema, weiß Walenta aus Erfahrung. Sind die Kinder aber bereits im Alter der dritten oder vierten Hauptschulklasse, wenn sie nach Österreich kommen, kann es sehr wohl zu Problemen kommen: "Diese Kinder müssten ja eigentlich zuerst Deutsch lernen, bevor sie in die Schule gehen!" - Wie so oft liege auch hier alles am Finanziellen. Wäre genug Geld und in der Folge genug Lehrpersonal da, könnte man die Kinder viel besser fördern.

Wichtig sei natürlich auch, von Anfang an Akzeptanz und Respekt zwischen den Kindern aus österreichischen und aus Migranten-Familien zu schaffen. Die beiden Streetworkerinnen in Thalham engagieren sich stark in diese Richtung, sagt Walenta, und erzählt von einem tollen Projekt, das sie vor einiger Zeit gemacht haben: "Sie sind in die Hauptschule gegangen und haben nur Russisch gesprochen. So haben die Kinder gefühlt, wie es ist, wenn man in der Klasse sitzt und kein Wort versteht."

Mein Auto ist Ausländer, ich auch

Neben Aktionen wie diesen versucht auch Sieglinde Walenta und ihre MitstreiterInnen im Ort, die Menschen immer wieder zusammenzubringen und durch das gegenseitige Kennenlernen Ängste und Vorurteile abzubauen. Wie zum Beispiel im Forum Miteinander, das sich gegründet hat, nachdem das Erstaufnahmezentrum in St. Georgen entstanden ist. Damals war die Stimmung im Ort ziemlich schlecht, erzählt Walenta. Doch die Aktionen des Forums  konnten dabei helfen, die spürbare negative Atmosphäre langsam aufzuweichen.

"Wir waren immer beim Kirtag oder bei anderen Festen vertreten, unter anderem mit T-Shirts mit der Aufschrift 'Mein Auto ist Ausländer, ich auch'", erinnert sich die engagierte St. Georgenerin. Am Anfang seien nur wenige zu ihrem Stand gekommen, aber mittlerweile werden es immer mehr, und jetzt verkaufen sie bei diversen Veranstaltungen immer Suppen und Fladenbrot, das die Frauen selbst backen.

Zu wenige Österreicherinnen

Auch durch das monatliche Frauentreff, das Sieglinde Walenta gemeinsam mit anderen St. Georgenerinnen organisiert, wird versucht, die Trennlinie zwischen den Leuten mit und ohne Migrationshintergrund im Ort zu durchbrechen. Derzeit nehmen großteils Frauen aus dem Erstaufnahmezentrum in Thalham bei den Treffen teil. "Österreicherinnen kommen oft nur wenige", beklagt sie. "Obwohl uns das natürlich ein Bedürfnis wäre. Wir haben in der Pfarrstube ja Platz für 30 bis 40 Leute, es kommen aber maximal 20. Wir wissen noch nicht wie, aber das Treffen soll auf jeden Fall größer werden."

Wenn es nach Sieglinde Walenta ginge, würde es noch viel mehr Initiativen geben, die von der Gemeinde ausgehen sollten und dadurch auch größere Wirkung haben könnten. Denn Bedarf für weitere Begegnungsmöglichkeiten sei auf jeden Fall da, das merke man an den Reaktionen. Es passiere nicht selten, dass ihr eine Frau aus Thalham beim Frauentreff nach drei Stunden gemeinsamem Kaffee trinken und Kuchen essen einfach um den Hals fällt. "Man kriegt einfach so viel zurück. Da sieht man erst, wie dankbar die Leute für ein bisschen Zeit sind." (Text: Jasmin Al-Kattib)

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