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Deutschlernen in der Volksschule: "In drei Monaten ist das erledigt"

Foto: privat

Marianne Pachler, Direktorin der Volksschule Straß im Attergau, erzählt vom interkulturellen Alltag in ihrer Schule, dem Unterricht mit StützlehrerInnen, von kindlicher Unvoreingenommenheit und der Elternarbeit, die anfangs auch ohne gemeinsame Sprache funktionieren kann.

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Von der Volksschule Straß hört man immer wieder, dass sie sich besonders gut um die Integration von Kindern mit Migrationshintergrund kümmert. Woher kommt dieses Engagement?

Marianne Pachler: Bei uns hat es schon immer Interesse an Integration gegeben, einfach dadurch, dass es immer wieder Kinder gibt, die vor unserer Tür stehen und kein Wort Deutsch können. Für uns ist das eigentlich alltäglich, dass Kinder, die neu in der Flüchtlingspension in Wildenhag sind, zu uns kommen. Und dann müssen wir irgendwie eine Bahn legen, damit alles so schnell wie möglich funktioniert.

Wie viele Kinder mit nicht-deutscher Muttersprache kamen im letzten Schuljahr neu in Ihre Schule?

Pachler: Im vorigen Herbst war es besonders gravierend, da hatten wir acht Kinder nicht-deutscher Muttersprache in der ersten Klasse, und nur sechs einheimische. Da war zu befürchten, dass die einheimischen Eltern Angst bekommen, dass ihre Kinder nicht genug gefördert werden können, wenn mehr als 50 Prozent Kinder, die eine andere Muttersprache als Deutsch haben, in der Klasse sind. Also haben wir uns am Schulanfang schon vorgenommen, dass wir sofort massiv Förderung geben, damit die Kinder so schnell wie möglich an die deutsche Sprache herangeführt werden. Weil die deutsche Sprache die größte Hürde ist, um dem Unterricht folgen zu können.

Wie sah diese massive Förderung der SchülerInnen aus?

Pachler: Wir haben von Anfang an dafür gesorgt, dass die Kinder jeden Tag eine Hausübungsbegleitung hatten. Drei Tage in der Woche konnten wir das selber sicher stellen, einmal machte es eine Kollegin, zweimal ich. Einen Tag konnte uns dann die Caritas Flüchtlingsberatung mit Frau Walenta oder Frau Seidl – beide machen das ehrenamtlich – unterstützen. Und dann war noch ein Tag offen, und dafür haben wir einen Apell an die Eltern gerichtet, ob es nicht eine Mama gäbe, die sowieso mit ihren Kindern Hausübung macht. Es hat sich eine Mama gefunden, und die ist dann immer mittwochs zu uns in die Schule gekommen, und hat mit ihrem Sohn und den anderen Kindern die Hausübungen gemacht.

Haben Sie und Ihre Kollegin an der Schule diese zusätzlichen Stunden auch ehrenamtlich in Ihrer Freizeit abgehalten?

Pachler: Ja, sicher. Aber das war auch in unserem Interesse, wir wollten ja, dass die Kinder bald Deutsch lernen. Und es hat sich gelohnt.

Wie lange dauerte diese intensive Phase mit den extra Betreuungsstunden? Haben Sie sie das gesamte Schuljahr angeboten?

Pachler: Nein, durchgehend jeden Tag haben wir die Hausübungsbetreuung bis Weihnachten gemacht und das ist sehr gut angekommen. Dann haben wir noch teilweise bis zum Semesterende weiter gefördert – wir haben es auch von der Schwierigkeit der Aufgaben abhängig gemacht. Wenn es Hausübungen waren, die sie schon selber ohne Anleitung erledigen konnten, haben wir sie nach Hause geschickt. Die Kinder haben jedenfalls sehr schnell ein Sprachniveau erreicht, mit dem sie dem Unterricht folgen konnten.

Wie lange dauert es bei sechsjährigen Kindern, bis sie dieses Niveau erreichen?

Pachler: Drei Monate, dann ist das so weit erledigt, dass sie sich auskennen und orientieren können und die wichtigsten Dinge selber auf Deutsch ausdrücken können. Wir müssen natürlich kontinuierlich an der Sprache arbeiten, aber die Grundsteine sind in drei Monaten gelegt.

Wie wird mit der Mehrsprachigkeit der Kinder in der Klasse umgegangen? Gibt es Stützlehrer, die beim Deutschlernen helfen?

Pachler: Ja, wenn wir acht Kinder mit außerordentlichem Status (den haben die Kinder nur in den ersten zwei Jahren in Österreich, Anm.) an der Schule haben, dann ist das für uns ein großer Vorteil. Dann kriegen wir zusätzlich Stunden, einen Sprachkurs, und dann haben wir auch Stützlehrer in der Klasse. Wenn es weniger als acht Kinder sind, bekommen wir auch finanzielle Ressourcen vom Land zur Verfügung gestellt, aber das ist dann viel weniger.

Wie kann man sich diesen Unterricht samt Sprachkurs und Stützlehrern vorstellen?

Pachler: Die Zweitlehrerin in der Klasse kümmert sich speziell darum, dass die Kinder verstehen, wie die Aufgaben zu lösen sind, die sie lösen sollen, sie sorgt dafür, dass sie mit den anderen Schritt halten können. Manchmal nehmen wir die Kinder auch für eine Stunde Sprachförderung aus dem Unterricht heraus. Das läuft dann so ab, dass wir zum Beispiel ein Wimmelbuch nehmen, und dann versuchen wir, damit Geschichten zu erzählen. Die Kinder bemerken, welche Wörter ihnen fehlen – das ist so wie Vokabel lernen. Am Anfang haben wir auch mit Handpuppen unterrichtet, das hat ihnen viel Spaß gemacht. Hexe Susi kann nicht lesen, aber rechnen, und Rabe Kunibert kann nicht rechnen, aber lesen. Mit den beiden Puppen, die sich in ihren Fähigkeiten ergänzen, haben wir die phonologische Bewusstheit der Kinder geschult, also Laute hören und Laute differenzieren.

Wie steht es um die Elternarbeit? Werden auch die Eltern in irgendeiner Weise in den Schulalltag miteingebunden?

Pachler: Jeden Donnerstag gibt es bei uns die "gesunde Jause", und immer ist eine Klasse dran, diese gesunde Jause für die anderen Klassen zuzubereiten. Und da sind meistens auch Eltern dabei. Von unseren Kindern aus Wildenhag waren heuer auch zwei Mamas dabei, eine aus dem Iran und eine aus Syrien, die haben sofort sehr freudig zugesagt, dass sie helfen wollen. Dann haben wir erfahren, dass eine von ihnen Brot bäckt, und haben sie gefragt, ob sie das nicht auch für die gesunde Jause machen möchte – in der Erwartung, dass dann ein Striezel Brot kommt. Gekommen sind dann ganz viele dünne Fladenbrote, und mit Ricotta bestrichen hat es den Kindern sehr geschmeckt! Seitdem fragen die anderen Kinder immer, wenn die erste Klasse dran ist, wo die Fladenbrote sind! (lacht)

Und wie sieht es aus bei Elternabenden und Elternsprechtagen?

Pachler: Sie sind immer alle gekommen!

Wie verständigt man sich, wenn von Seiten der Eltern, die auch erst seit kurzem in Österreich sind, noch nicht viele Deutschkenntnisse vorhanden sind?

Pachler: Es war schwierig, vor allem am Anfang. Aber alle diese Eltern haben uns sehr viel Wertschätzung dadurch entgegen gebracht, dass sie gekommen sind, obwohl sie so wenig verstanden haben. Und sie haben mit wenigen Wörtern der Klassenlehrerin zum Ausdruck gebracht, dass Schule für ihre Kinder etwas Schönes ist, und dass sie sich freuen, dass sie da sein können. Wir möchten nicht, dass die Eltern dreißig Jahre hier sind und die Mütter noch immer nicht Deutsch sprechen, wie das leider bei einigen türkischen Familien der Fall ist.

So etwas passiert natürlich häufig dann, wenn sie viele andere Leute rundherum kennen, die auch dieselbe Sprache sprechen, dann gibt es vielleicht auch weniger Bedarf, Deutsch zu lernen.

Pachler: Ja, genau. Aber wir haben ein tolles Kunterbunt an Menschen hier und da ist das Deutsch lernen auf jeden Fall notwendig.

Wie steht es um die Akzeptanz der Kinder untereinander? Werden Kinder, die noch nicht so gut Deutsch sprechen, manchmal schief angesehen?

Pachler: Nein, bei uns ist das total normal. Es gibt keine Ressentiments gegen diese Kinder, da entwickeln sich ganz normale Freundschaften. Nur einmal gab es ein großes Missverständnis: Die Mutter, die uns bei der Hausübungsbetreuung geholfen hat, hat die anderen Kinder zur Geburtstagsfeier ihres Sohnes eingeladen, und die haben leider nicht verstanden, was das ist, und durften nicht kommen. Ihr Sohn war dann ganz traurig, weil er sich so darauf gefreut hat. Seine Mama ist aber erst im Nachhinein draufgekommen, dass die anderen Kinder sprachlich einfach nicht verstanden haben, worum es geht. Sie haben später dann noch eine zweite Geburtstagsfeier gemacht, wo dann alle gekommen sind!

Klingt so, als wären die "neuen Kinder" recht beliebt.

Pachler: Besonders am Anfang sind sie immer sehr interessant für die anderen Kinder, da stürzen sich alle auf sie, und jeder will wissen, woher sie kommen und welche Sprache sie sprechen. Einige sind sogar heiß begehrt, wie zum Beispiel ein Bub, der sehr gut Fußball spielen kann – das hebt den Status! (lacht)

Bemerken Sie bei den Kindern denn auch Traurigkeit und dadurch ausgelöst etwa Konzentrationsschwächen? Alle von ihnen haben ja mal mehr, mal weniger tragische Flüchtlingsgeschichten hinter sich.

Pachler: Ja, bei einzelnen schon. Wir können ja nur vermuten, was der Hintergrund für traurige Gesichter ist, aber es hat oft viel mit Abschied zu tun. Letzthin hat mir der Kleine, der bei mir in der Förderstunde war, von zu Hause erzählt und gesagt: Wenn er einmal groß ist, dann geht er zurück, und dann wird er dort erzählen, dass er schon Deutsch kann. Da merkt man schon, dass die Kinder auch traurig sind. Wieder zurück gehen, dorthin, wo es einmal gut war, das wünschen sich die Kinder und auch die Eltern.

Sind Sie zufrieden, wie es in diesem letzten Schuljahr mit Ihren Schützlingen gelaufen ist?

Pachler: Ja, im großen und ganzen bin ich sehr zufrieden. Ich habe mir am Anfang nicht gedacht, dass wir so schnell auf ein Niveau kommen, wo wir so gut unterrichten können. Es war im letzten Herbst eine große Herausforderung. Und es hat von den einheimischen Eltern nie eine Klage darüber gegeben, dass ihre Kinder in dieser Klasse vielleicht weniger gelernt hätten, weil wir so viele ausländische Kinder drinnen haben. Und das freut mich sehr.

Was wünschen Sie sich für das kommende Schuljahr?

Pachler: Viele viele Förderstunden!

(Interview: Jasmin Al-Kattib)

 

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