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Österreich - Bosnien, hin und retour

Foto: Jasmin Al-Kattib

Für Elvedina Dizdarevic, gebürtige Steyrerin und Obfrau des Vöcklabrucker Tanzvereins "Balkanfolk", ist es wichtig, ihren beiden Kindern durch die gezielte Vermittlung bosnischer Kultur und Sprache ein Stück ihrer zweiten Heimat näher zu bringen.

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Irgendwann einmal wieder nach Bosnien ziehen, das kann sich Elvedina Dizdarevic gar nicht vorstellen. Zwar lebt ihre ganze Familie in Sarajevo – ihr Vater, ihre Mutter und ihr Bruder sind vor einigen Jahren wieder zurück gegangen – und dennoch: Ihr Leben in Österreich könnte sie nicht aufgeben, zu stark sind ihre Wurzeln hier. "Ich bin in Österreich geboren und habe auch in Bosnien gelebt, aber meine Heimat ist definitiv hier," betont sie. "Es zieht mich einfach viel mehr hierher."

Steyr - Sarajevo - Steyr

Elvedinas Eltern kamen in den siebziger Jahren von Bosnien nach Österreich, ihr Vater hatte in Steyr Arbeit gefunden. Dort verbrachte "Lilo" – so wird sie von klein auf von Familie und Freunden genannt – die ersten fünf Jahre ihres Lebens. Dann zog ihre Familie für einige Zeit zurück nach Bosnien, und so verbrachte sie ihre Volksschul- und Hauptschulzeit in Sarajevo. Nach acht Jahren ging es wieder retour nach Österreich. Seit damals, dem Jahr 1989, lebt Elvedina durchgehend in Oberösterreich. Zuerst in Steyr, später in Vöcklamarkt.

Heute ist Elvedina zweifache Mutter, Alleinerzieherin, berufstätig und obendrein Obfrau eines Volkstanzvereins namens OKUD Balkanfolk. "OKUD steht für Omladinsko Kulturno Drustvo und heißt soviel wie jugendlicher Kulturverein", erklärt die 36-Jährige. Der Tanzverein besteht aus zwei Altersgruppen: Die Kindergruppe für 5- bis 13-Jährige und die Jugend/Erwachsenen-Gruppe ab 13 Jahren. Geprobt wird jeden Sonntag von zwölf bis fünf in der Delta Sporthalle in Vöcklabruck. Gemeinsam mit den Eltern der tanzbegeisterten Kinder, die bei Auftritten und den Proben oft dabei sind, zählt die Balkanfolk-Truppe immerhin rund 150 Leute.

Religion und Herkunft sind Nebensache

Die Tanzgruppe rund um Choreograph Mirzet Menkovic, der den Verein vor sechs Jahren ins Leben gerufen hat, studiert nicht nur Tänze aus einem bestimmten Balkanland ein: Neben bosnischen stehen auch Volkstänze aus Kroatien, Serbien und Albanien auf dem Programm. "Niemand schaut darauf, ob du Moslem bist oder Serbe oder Kroate", sagt Elvedina. "Wir haben verschiedene Religionen, und die Kinder lernen hier, dass das ganz normal ist. Sie verstehen sich alle sehr gut." Im Tanzverein sollen Kinder und Jugendliche "wie früher" zusammenkommen, wie es noch vor dem Jugoslawien-Krieg war: Ohne übertriebenes Nationalbewusstsein und ohne Vorurteile.

Auch Elvedinas 12-jährige Tochter und ihr 8-jähriger Sohn sind seit vier Jahren in der Tanzgruppe. Elvedina selbst tanzt nicht, dazu hätte sie als Obfrau auch gar keine Zeit. Denn neben behördlichen Erledigungen für den Verein kümmert sie sich bei den wöchentlichen Proben und den etwa monatlichen Auftritten praktisch um alles Organisatorische. Ob die Kostüme sitzen und ob alle TänzerInnen gut betreut sind gehört genauso zu ihren Aufgaben wie die Kommunikation mit den Eltern oder etwa für Ersatz zu sorgen, wenn eines der Kinder kurz vor einem Auftritt erkrankt und ausfällt.

Mehrsprachigkeit und Kulturoffenheit

Dass Elvedina ihren Lebensmittelpunkt eindeutig in Österreich wiederfindet, hat unter anderem auch mit der Zukunft ihrer Kinder zu tun. "In Bosnien haben sie nicht so viele Möglichkeiten, sich weiterbilden zu können. Außerdem ist dort die Jobsituation einfach schlechter als hier", erklärt sie. Dennoch liegt es ihr sehr am Herzen, dass ihre Kinder mit der bosnischen Kultur und Sprache viel Kontakt haben.

"Für mich ist es einfach wichtig, dass die Kinder die bosnische Sprache lernen und auch die Kultur kennen lernen, damit sie wissen, woher sie kommen", meint Elvedina, die ihren Sohn und ihre Tochter zweisprachig erzieht. Könnten ihr Sohn und ihre Tochter nicht Bosnisch, täten sie sich besonders bei den alljährlichen Verwandten-Besuchen in Sarajevo sehr schwer. "Meine ganze Familie ist ja dort. Da fühlt man sich doch wie ein Außenseiter, wenn man kein Wort versteht." (Text: Jasmin Al-Kattib)

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